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Seniorenverband AARP: Wie Rentner in den USA abgezockt werden



In den USA gilt man schon mit 50 als potenzieller Pensionär. Und zwar, weil man dann seinen ersten Rentnerausweis kriegen kann. Pünktlich zum runden Geburtstag flatterte mir ein Anmeldeformular für den US-Seniorenverband AARP in den Briefkasten. “Entdecken Sie Hunderte überraschende Vorteile einer Mitgliedschaft.” Nur 12 Dollar fürs erste Jahr!

Nur 12 Dollar, um sich älter zu fühlen.

AARP steht für American Association of Retired Persons. Zwar liegt das gesetzliche Rentenalter auch hier bei 67, also noch ziemlich weit weg für mich. Trotzdem rekrutieren sie einen schon 17 Jahre früher für die US-Seniorenlobby.

Der ersten Einladung folgten mehrere schriftliche Erinnerungen. Das war noch vor der Coronakrise. Trotzdem klangen die Schreiben wie Orakel einer drohenden Apokalypse, so beharrlich und unvermeidbar, als seien sie “Einberufungsbescheide zum Vietnamkrieg”, wie die “New York Times” dieses Phänomen einmal beschrieben hat. Lange zögerte ich. Schließlich kapitulierte ich. Warum nicht, einige meiner Freunde schwärmen von den Vorteilen ihrer AARP-Mitgliedschaft.

Gerade jetzt: “Die AARP bringt Ihnen alle Informationen, die Sie für die Herausforderungen der Coronakrise brauchen”, verspricht AARP-Vorstandschefin Jo Ann Jenkins in einem Webvideo aus ihrem Homeoffice.

Kein Rabatt für Pseudosenioren

Ich erhielt einen roten Plastikausweis für die Brieftasche. “Member since“, stand da vor meinem AARP-Beitrittsjahr, wie bei einem Country Club. Und das Motto: “Reale Möglichkeiten.” Damit waren Seniorenrabatte gemeint, aufgelistet in einer verlockenden Hochglanzbroschüre. Gruppenreisen (warum sollen Rentner immer in Gruppen reisen?), Versicherungen, Diätmittel, Restaurants, Theater, Kinos, Schnittblumen, Kreditkarten und schließlich – na klar, bei all diesen Ausgaben –  Finanzberatung.

Das meiste kann man gerade ohnehin vergessen. Doch vielleicht nach der Krise? Leider stellt sich heraus, dass das oft nur mögliche Angebote sind, zumindest für mich, den auf einmal noch viel zu jungen Pseudosenior. “Erst ab 65 Jahren”, sagte die Kassiererin im Museum of Modern Art, als ich – auch das war noch vor Corona, in einem anderen Leben – melodramatisch meine AARP-Karte zückte. Ebenso in meinem Lieblingskino in Lower Manhattan. Dessen Rabattuntergrenze ist 60 Jahre, immerhin.

Wenigstens bekam ich “AARP: The Magazine” umsonst ins Haus. Das kostet sonst am Kiosk 4,50 Dollar und ist ein zweimonatliches Sammelsurium aus Artikeln, Ratschlägen und Anzeigen, die einen aufs Altersdasein vorbereiten sollen.

Die aktuelle Ausgabe, 74 Seiten stark, enthält ein Interview mit dem Schauspieler Jeff Goldblum, dem Dinosaurier-Forscher aus “Jurassic Park”, der zuletzt mit 65 Jahren Vater wurde, außerdem einen Buchtipp (“Erfolgreich altern”), einen Kinotipp (“The Call of the Wild” mit Harrison Ford, 77), ein Porträt der Country-Sängerin Shania Twain, 54, eine Reportage über Senioren im Knast, ein Kreuzworträtsel, bei dem ich nach neun Minuten aufgab, und eine Liste mit Geburtstagen von Stars meiner Jugend. Peter Gabriel ist schon 70?

Die Rubrik “Ratgeber” ist besonders bunt. Da lernt man, wie man Minze für Erkältungstee pflanzt, wie man am schnellsten mit dem Rollstuhl ans Flughafen-Gate kommt, wie man ein Smartphone benutzt, um sich Tickets für die Rolling Stones zu kaufen, wie man ohne Salz kocht und wie man mit Kleptomanen zusammenlebt: “Ehepaare können das überstehen”. Dazwischen seitenweise Werbung für  “unkündbare” Kfz-Versicherungen, Lebensversicherungen, Abführmittel, hautschonende Rasierklingen, Kreuzfahrten und Sitzduschen.

Eine Sitzdusche in der häuslichen Quarantäne, das wär doch was.

Geburtstage aus dem Netz gesaugt

Ich begann ein bisschen tiefer zu recherchieren. Die AARP, so stellt sich heraus, ist eine Marketingfirma, 1958 gegründet von einer Schuldirektorin – und/oder einem Versicherungskaufmann, je nachdem, wem man glaubt. Ihren Klarnamen, in dem noch von “Rentnern” die Rede ist, hat die AARP schon vor langer Zeit fallengelassen. Adressen und Geburtstage kauft das Unternehmen von Direktmarketingfirmen, die solche Daten im Netz und anderswo absaugen. Kritiker halten das Ganze für Abzocke. Trotzdem hat die AARP fast 40 Millionen Kunden, ähm, Mitglieder.

Minus einem. Ich habe meine Mitgliedschaft dann doch wieder gekündigt. Die Corona-Ratschläge der AARP gibt es auch umsonst auf der Website – und sie unterscheiden sich kaum von dem, was einem jeder sagt. “Wie man sich die Hände wäscht”, “Kontaktsperre hilft allen”, “Habe ich Grippe oder Coronavirus?”

Trotzdem, schade irgendwie. Das Gefühl, zu einem Country Club werdender Senioren zu gehören, hatte was. Auch wenn es nur eine lukrative Fiktion war.

Die Werbe-E-Mails der AARP bekomme ich weiter. Die letzte digitale Postwurfsendung enthielt ein Sonderangebot für einen schicken Reisekoffer. Wäre das nicht doch was für die späteren Gruppenreisen? Nur 12 Dollar für erste Jahr!

Falls man überhaupt irgendwann wieder reisen darf.

Icon: Der Spiegel



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