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Sebastian Fitzek: “Mein Sohn wog nur so viel wie ein Tetrapak Milch”




Monströs zugerichtete Leichen, Axtmörder und Psychopathen – mit seinen Thrillern unterhält und schockiert Sebastian Fitzek Millionen Menschen. In seinem privaten Leben hat der Berliner Autor vor sechs Jahren eine Situation erlebt, die seine eigenen Nerven herausforderte: die Geburt seines Sohnes Felix, der elf Wochen zu früh zur Welt kam. “Er war unglaublich dünn und klein und wog nur 1000 Gramm – so viel wie ein Tetrapak Milch”, erinnert sich der 48-Jährige.

“Wir hatten damals so ein riesiges Glück, dass Felix die ganze Sache tatsächlich so gut überstanden hat. Wir hätten dieses Glück nicht gebraucht, wenn wir uns vorher richtig informiert hätten”, erzählt der Vater dreier Kinder rückblickend. Als Botschafter des Vereins “Das frühgeborene Kind” will er möglichst viele werdende Eltern dazu ermuntern, sich frühzeitig über passende Krankenhäuser zu informieren – für den Fall des Falles.

“Wir hatten uns überhaupt keine Gedanken gemacht, sondern für die Geburt ein Krankenhaus ausgesucht, das gar keine Neonatologie hat”, sagt Fitzek. Diese Stationen sind auf Erkrankungen Neugeborener spezialisiert. Seine Frau und er seien völlig sorglos gewesen, so Fitzek. Dann platze die Fruchtblase in der 30. Woche. Anschließend habe die Notärztin lange telefonieren müssen, um ein Krankenhaus zu finden, das Babys aufnimmt, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren werden.

Höchste Risikogruppe: Unter 500 Gramm, weniger als 24 Wochen jung

40 Wochen dauert eine Schwangerschaft normalerweise. Wenn ein Baby vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt, gilt es als Frühchen. Das ist laut dem Verein Das frühgeborene Kind bei fast jedem zehnten Kind in Deutschland der Fall, rund 65.000 Fälle pro Jahr. Das steigende Alter von Müttern, aber auch Bluthochdruck, Rauchen und Stress gelten als mögliche Ursachen. Auch Mehrlinge erhöhen das Risiko. “Warum bei meiner Frau die Fruchtblase so früh platzte, wissen wir bis heute nicht”, sagt Fitzek.

Sein Sohn galt mit seinem Gewicht noch als eher unproblematisch. “Unter 500 Gramm und weniger als 24 Wochen jung. Das ist die absolute Höchstrisikogruppe”, sagt Christof Dame, stellvertretender Direktor der Klinik für Neonatologie an der Berliner Charité, Campus Virchow-Klinikum.

Kinder, die mit weniger als 24 Wochen auf die Welt kommen, haben demnach eine Überlebenschance von 60 Prozent. “Von denen, die überleben, entwickelt sich ein Drittel gut, ein weiteres Drittel mit mittleren Beeinträchtigungen und ein weiteres Drittel überlebt mit schweren Beeinträchtigungen”, so Dame, in dessen Klinik pro Jahr etwa 180 Kinder behandelt werden, die weniger als 1500 Gramm wiegen.

“Die Wahl der richtigen Klinik kann enorme Auswirkungen darauf haben, wie sich das Frühchen künftig entwickelt”, sagt der Mediziner, der auch Fitzeks Sohn Felix behandelt hat.

“Einer Krankenschwester fiel im nächtlichen Halbdunkel auf, dass die Haut von Felix marmoriert war”, erzählt Fitzek. Die Ärzte stellten eine entstehende Nierenvenen-Thrombose fest und konnten sie rechtzeitig behandeln. “Das haben wir vor allem der Schwester zu verdanken, die so eine unglaubliche Erfahrung hatte”, so Fitzek. Andere häufige Komplikationen wie ein Schlaganfall oder eine Hirnblutung seien bei seinem Sohn glücklicherweise nicht aufgetreten. “Er hat keine Folgeschäden und ist eine absolute Kämpfernatur.”

Der eindringliche Appell des 48-Jährigen an werdende Eltern: “Geht sicher, dass eine Neonatologie in eurer Nähe ist und schaut, wie viele Kinder dort jährlich behandelt werden. Je mehr, desto besser.

Von Gynäkologen und Geburtshelfern beraten lassen

Doch wo finden Eltern solche Informationen? Beim Internetportal Perinatalzentren.org sind mehr als 200 Zentren für Geburten nach Risikoschwangerschaften und für Frühgeburten gelistet, die deutschlandweit existieren. Die vielen Daten sind aus Sicht des Neonatologen Rainer Rossi vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Perinatalmedizin allerdings für medizinische Laien nur schwer verständlich. “Auch die Statistiken in den Leistungsberichten der Krankenhäuser sind richtig kompliziert zu lesen”, so Rossi. Er empfiehlt, sich von Gynäkologen und Geburtshelfern beraten zu lassen.

Ob es in Deutschland überhaupt so viele Zentren braucht oder eine Konzentration auf weniger sinnvoller wäre, diskutieren Ärzte, Krankenkassen und Kliniken seit Jahren kontrovers. “Wir haben in Deutschland ein Perinatalzentrum für etwa 4000 Geburten, während in Schweden ein Perinatalzentrum etwa 20.000 Geburten versorgt”, sagt Rossi.

In Schweden seien die Ergebnisse für Frühgeborene besser als hierzulande. “Man kann sicher nicht alles einfach kopieren, aber schauen, was man in Deutschland übernehmen könnte”, so Rossi. In manchen Kliniken hierzulande sei derzeit wegen zu geringer Geburten- und Frühgeborenenzahlen sowie knapper Personalschlüssel die erforderliche Erfahrung nicht immer rund um die Uhr gewährleistet.

Sebastian Fitzek will seine Erlebnisse auf der Frühchenstation möglicherweise in einem Buch verarbeiten. “Hier treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Es geht um Leben und Tod, man ist in einem emotionalen Ausnahmezustand”, so der Autor. “Die Recherche hätte ich mir aber etwas weniger intensiv gewünscht.”



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