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Masern: Radikale Impfgegner sind nicht das Problem – Kommentar






Was die Masern angeht, hat Deutschland sein Ziel verfehlt. Seit 2015 sollte der Erreger ausgerottet sein, so war es mit der Weltgesundheitsorganisation verabredet. Die Realität aber hatte andere Pläne. Ausgerechnet 2015 erlebte Deutschland den größten Ausbruch der vergangenen zehn Jahre, allein in Berlin erkrankten mehr als tausend Menschen. Allein an den Flüchtlingen lag es übrigens nicht.

Auch dieses Jahr infizierte das hoch ansteckende Virus bereits Hunderte. Damit muss nun Schluss sein. Eine Impfpflicht soll es richten, gesetzlich verankert, Geldstrafen für renitente Eltern und Kitaausschluss inklusive. Endlich, könnte man denken. Der Haken ist nur: Die Pläne gehen am eigentlichen Problem vorbei.

Impfgegner: nur laut, nicht viele

Ja, es gibt Impfgegner in Deutschland. Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen und ihren Kindern eine potenziell lebensrettende Spritze vorenthalten. Sie bilden allerdings nur eine winzige, wenn auch sehr laute Gruppe. Dies zeigen die Impfquoten von Schulanfängern deutlich.

Dem Robert Koch-Institut zufolge konnten 2017 bundesweit 97,1 Prozent der Kinder bei ihrer Einschulung die erste Masernimpfung vorweisen. Diese Quote reicht schon aus, um die Masern in Deutschland auszurotten, ganz ohne Pflicht. Voraussetzung wäre, dass alle 97 Prozent auch die zweite Masernimpfung erhalten.

Und hier liegt ein Problem, denn bisher unterblieben diese entscheidenden Folgeimpfungen zu oft. Um das zu ändern, sind Impfkampagnen in Schulen der bessere Weg. Ein gesetzlicher Zwang steigert nur die Gefahr, dass Impfgegner Auftrieb erhalten. Umfragen aus Europa zeigen, dass die Skepsis gegenüber der Spritze in Ländern mit einer Impfpflicht besonders groß ist – eine höhere Impfquote wird dort nicht erreicht.

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn muss sich fragen lassen, ob Bußgelder von 2500 Euro Eltern von Schulkindern umstimmen können, die voller Überzeugung handeln. Wohl kaum, wenn sie es sich leisten können. Radikale Impfgegner lassen sich nicht zwingen. Sie suchen Schlupflöcher und ziehen andere mit.

Junge Erwachsene: übersehenes Hauptproblem

Außerdem lässt die geplante Pflicht eine wichtige Gruppe unbeachtet: Fast die Hälfte der Erkrankten 2018 waren junge Erwachsene. “Das weist auf die großen Impflücken in diesen Altersgruppen hin”, erklärte Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts – und rief eine offizielle Behördenempfehlung ins Gedächtnis: Alle nach 1970 Geborenen sollten die Masernimpfung nachholen, wenn sie ihren Impfstatus nicht kennen oder im Impfpass keine oder nur eine Impfung vermerkt ist.

Schon mal davon gehört? Nein? Eben. Für viele Menschen sind Masern noch immer eine Kinderkrankheit, sie fühlen sich von der Debatte nicht angesprochen. Hier würde Aufklärung helfen, Anschreiben der Krankenkassen und Einladungen, den Impfpass mit einem Arzt durchzugehen.

Erst wenn Erwachsene aufgeklärt sind, wenn alle Kinder einfachen Zugang zu Impfungen in Schulen haben und auch das nichts bewirkt, sollte eine Impfpflicht das letzte Mittel sein. Bis dahin läuft sie vor allem Gefahr, eine kleine Gruppe zu bestärken, die sowieso schon zu viel Gehör findet: die Impfgegner. Denn sie, das ist klar, werden durch die neue Regelung noch lauter.

Im Video: Die bizarre Welt deutscher Impfgegner



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