Nachrichten-Portal

Leben 50plus: Sportverletzung beim Restaurantbesuch



Vor ein paar Jahren saß ich mal mit meiner Frau im Biergarten. Ich trug Hemd und Jackett, und als wir gingen, hielt mich am Ausgang eine ältere Dame auf: “Junger Mann”, sagte sie irrtümlich, “kommen Sie mal eben mit, da macht jemand Ärger!”

Meine Frau lachte, sie verstand die Verwechslung: Ich bin ein relativ breit gebautes, 1,86 Meter großes 105-Kilogramm-Männchen mit wenig Haaren. Im Ruhrpott, wo ich herkomme, würde man sagen: Kreuz wie ein Bergmann. Auf kleine, alte Damen wirke ich offenbar wie der Rausschmeißer, Sakko hin oder her.

Ich war mir meiner Physis immer bewusst. Sie war immer Teil meiner Identität. Ich kannte die Grenzen, vor allem aber die Möglichkeiten meiner Kraft. Wenn es nach Ärger roch, machte ich mich nicht klein, sondern groß: Kinn vor, Brust raus, Schultern ausstellen. Das Dschungel-Prinzip. Nicht immer klug, aber meistens kommt man damit durch.

Ich bin auch Akademiker, aber das eine ändert das andere nicht. Physis ist keine Option, kein Lebensstil. Sie ist ein Teil unseres Selbstbewusstseins, und das meine ich hier wörtlich: Sie bestimmt, wie wir uns selbst wahrnehmen. Damit ist sie auch Teil unserer Selbstdefinition.

Meine umfasste schon immer sowohl Kopf als auch Körper. Und so, wie mein Kopf nach Beschäftigung verlangt, wenn ich mich wohlfühlen will, verlangt auch mein Körper danach: nach Kraftanstrengung, Betätigung, Bestätigung.

Mag sein, das klingt im Jahr 2020 richtig nach Macho, aber in Wahrheit schildert es nur ein körperliches Grundbedürfnis. Schreibtischarbeit hat mir nie genügt, ich mochte und mag auch schwere, körperliche Arbeit. “Maloche” ist für mich das, was andere sich im Fitnessstudio oder beim Extremsport holen: Der Kick, den man erlebt, wenn man unter Belastung die eigene Physis wirklich fühlt. Schmerz am Folgetag inklusive.

Mist ist es allerdings, wenn aus dem Folgetag zwei werden. Oder drei.

Immer öfter signalisiert mir mein Körper heute Unerwünschtes: “Luft knapp!”, “Batterie halb leer!” oder “Knochen/Gelenk/Muskel an Belastungsgrenze!”. Vor zwei Jahren hatte ich einen schmerzhaften Muskelfaserriss in der Wade. Sowas fangen sich zum Beispiel Freeclimber, Marathonläufer oder andere Athleten ein, wenn sie sich unzureichend aufgewärmt haben.

Mein Muskel riss, als ich gerade die zweite Stufe zu meinem Lieblingsgriechen nahm. Jemand sprach mich von hinten an, ich drehte mich in der Bewegung: Meine erste Extremsportverletzung erlitt ich beim Öffnen einer Restaurant-Tür.

Eine Kollegin lachte schallend, als ich ihr das erzählte: “Ja, so ist das, wenn der Lack ab ist!”

Lack ab, das sagt sich so leicht. Immer öfter tauschen wir 50-Plus-Freunde lachend unsere neuesten Zipperlein aus. Hexenschuss, Meniskus, Magenprobleme. Kurzatmigkeit, Fettleber, Bluthochdruck. Gicht im Fuß, Knie kaputt, Hüfte knirscht. Hörsturz, Haarausfall. Ich lache darüber, weiß aber auch: noch.

Denn irgendwann summiert sich die jetzt noch lustige Mängelliste zu einem Selbstzweifel, weil sich mit der Veränderung des Körpers auch die Eigenwahrnehmung verändert. Die sich häufenden Fehlfunktionen werden zu Botschaften: Nicht mehr schnell, sagen sie, nicht mehr kräftig, nicht mehr so wie früher. In Summe fragen sie: Bist du noch du?

Das muss man erst einmal verdauen, jeder von uns, irgendwann. Mein Freundeskreis beginnt, sich in Lager zu teilen. Die einen kasteien sich selbst und trainieren gegen den Trend des eigenen Körpers an. Das ist okay, finde ich, solange man dabei nicht zum penetranten Prediger wird oder aussieht wie ein als exotischer Fisch verkleideter Gangster-Rapper. Andere lassen die Tradition des Wohlstandsbauches wiederaufleben, werden zu Genießern, also bekennenden Faultieren. Ich kann mich da nicht so recht entscheiden.

Auf der Suche nach dem Mittelweg habe ich gemerkt, dass wir im Grunde einen Kompass haben, der ihn uns weist: Wenn es sich nicht falsch anfühlt, ist es richtig. Den Immer-noch-Jugendlichen zu mimen, fühlt sich für mich falsch an. Ich lerne, auch mal was liegen oder machen zu lassen. Wenn es was zu renovieren gibt, darf gern der 30-Jährige den 40-Kilo-Sack schleppen. Und wenn mich der Hafer sticht und der Spaten ruft, Kelle und Reibbrett raue Wände wieder glatt werden lassen, bis Rücken und Schultern schmerzen, dann tut das und wird das immer noch gut.

Denn auch so kann man dieses Altern, das wir 50-plus-Menschen gerade ausprobieren, nehmen: Ich schaue auf das, was ich kann und nicht auf das, was nicht mehr geht. Es geht noch, es klappt noch, ich kriege noch jede Menge hin! Manchmal besser als der 30-Jährige, der ich mal war. Es tut nur ein bisschen weh, manchmal eben drei Tage. Und wie geht es Ihnen so?

Icon: Der Spiegel



Source link

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

© 2019 NASEOBLOG - Alle Rechte vorbehalten