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Krankenhäuser: Warum am Wochenende mehr Patienten sterben





Wer am Wochenende in die Klinik kommt, hat ein deutlich höheres Risiko, den Aufenthalt nicht zu überleben. Das zeigen zahlreiche Studien für verschiedene Länder. Dieser sogenannte Wochenendeffekt wird häufig in erster Linie auf eine schlechtere personelle Besetzung zurückgeführt – Experten zweifeln das in einer neuen Analyse an.

Für die Untersuchung wertete ein britisches Forscherteam 68 Studien aus, die meisten aus den USA und Großbritannien. Insgesamt umfasste die Analyse Daten von 640 Millionen Patienten, die am Wochenende ins Krankenhaus mussten. Ihre Wahrscheinlichkeit zu sterben lag rund 16 Prozent höher als bei Menschen, die an Werktagen aufgenommen wurden.

Aus den Daten lasse sich jedoch keine eindeutige Ursache für die höhere Sterblichkeitsrate ableiten, schreiben die Wissenschaftler um Yen-Fu Chen von der University of Warwick im Fachmagazin “BMJ Open”. Stattdessen gebe es Hinweise darauf, dass neben einer schlechteren Besetzung mit medizinischem Fachpersonal vor allem Art und Schwere der Erkrankung eine Rolle spielten.

Effekt bei geplanten Operationen sehr stark

Den Studien zufolge hängt der Wochenendeffekt stark davon ab, aus welchem Grund Patienten ins Krankenhaus kommen. Während bei Schwangeren etwa kaum Unterschiede nachweisbar waren, war der Effekt bei geplanten Operationen besonders ausgeprägt.

“Es werden weniger Patienten am Wochenende ins Krankenhaus aufgenommen und ihre Profile unterscheiden sich von denen, die unter der Woche kommen: Sie sind kränker und mehr von ihnen werden intensivmedizinisch behandelt”, sagt Julian Bion, Co-Autor der Studie. Auch sei es wahrscheinlich, dass komplizierte Eingriffe öfter für das Wochenende geplant würden, so die Forscher. Als Beispiele nennen sie Hüft- und Knieoperationen, für die aufgrund von Notfällen unter der Woche oft keine Zeit bleibt.

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Die Forschergruppe warnt davor, die höhere Sterblichkeitsrate allein mit einer schlechteren Versorgung zu erklären. Dagegen spreche zum einen, dass nicht alle Patientengruppen betroffen seien, zum anderem reiche die Datenlage nicht aus. So sei in kaum einer Studie mit untersucht worden, wie viel Personal vor Ort gewesen sei und mit welchem Gesundheitszustand die Patienten ins Krankenhaus gekommen seien.

Die Wissenschaftler möchten mit den Ergebnissen auch Ängste von Patienten entkräften: “Im Endeffekt sollte niemand, der am Wochenende erkrankt, davor zurückschrecken, ins Krankenhaus zu gehen oder das aufschieben”, sagt Bion.

“Schlechtere Personalstruktur offensichtlich”

Deutsche Fachleute gehen dennoch weiter davon aus, dass die Versorgungsqualität am Wochenende leidet. Die schlechtere Personalstruktur sei offensichtlich, sagte Anna Slagman, Professorin für notfallmedizinische Versorgungsforschung an der Charité Berlin. Wenn dann zusätzlich Patienten mit schwerwiegenderen Krankheiten kämen, wie die Forscher der Studie es annehmen, verstärke dies das Problem.

“Natürlich besteht die Möglichkeit, dass Patienten am Wochenende vielleicht länger abwarten, bevor sie in die Notaufnahme gehen. Aber gerade vor dem Hintergrund, dass diese Patienten eine schlechtere Prognose haben, müssen wir mit der entsprechenden Versorgung darauf reagieren können.”

Auch Ruth Hecker, stellvertretende Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, weist auf Versorgungsdefizite an Samstagen und Sonntagen hin. “Es arbeiten ja vor allen Dingen junge Ärzte am Wochenende, häufig genug stehen die Fachärzte nur als Rufdienst zur Verfügung und es stehen auch weniger OP- und andere diagnostische Ressourcen zur Verfügung.”

In Deutschland ist der Wochenendeffekt zwar nicht explizit durch Studien belegt, Experten gehen aber davon aus, dass er auch hierzulande eine Rolle spielt.



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