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Andrea Nahles ist zurück in der Öffentlichkeit: Weitgehend frei




Weit hat sie’s nicht. Von Weiler, ihrem Wohnort in der Eifel, nach Maria Laach braucht die 49-Jährige mit dem Auto nur eine halbe Stunde. In das Kloster neben der romanischen Kirche am Vulkansee hat sich die Katholikin früher gerne mal für eine Woche zur inneren Einkehr und Kontemplation zurückgezogen. Am Montag hatte Andrea Nahles hier ihren ersten öffentlichen Auftritt seit dem Rückzug von ihren politischen Ämtern vor zwei Monaten.

Es ist kein Auftritt, den sie gewählt hat. Eher einer, den sie nicht absagen wollte. Sie kennt den Ort, sie kennt die Leute. Er liegt in ihrem Wahlkreis, Ahrweiler. Ihre Rede gehört zum Begleitprogramm der Ausstellung “Glaube und Politik” über Konrad Adenauer, der ebenfalls eine enge Verbindung zu Maria Laach pflegte.

Hier referierte vor ihr schon Joachim Gauck (Thema: “Toleranz: einfach schwer”), später wird der im Programmheft als “arabischer Israelit” annoncierte Ahmad Mansour “Klartext zur Integration” sprechen. Die Broschüre war schon gedruckt, angekündigt ist sie darin noch als “Vorsitzende der Bundestagsfraktion” sowie “Parteivorsitzende der SPD”. Nun hat sich der Charakter der Veranstaltung verändert. Andrea Nahles unplugged.


Nahles sprach über das Thema "Die Gleichberechtigung von Mann und Frau laut Grundgesetz und im wahren Leben"


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Nahles sprach über das Thema “Die Gleichberechtigung von Mann und Frau laut Grundgesetz und im wahren Leben”

Der Eintritt ist frei, der Saal hat 400 Sitze, etwas mehr als die Hälfte ist mit Publikum mehrheitlich im Rentenalter besetzt. Kurz vor Beginn der Veranstaltung wird noch schnell der Aufsteller, vor dem sie reden soll, mit schwarzem Klebeband fixiert, damit er nicht umfällt. Nahles kommt in Begleitung zweier Leibwächter, verschiedene Kamerateams und Fotografen im Schlepptau. Wie früher.

Über das Grundgesetz soll sie reden. Artikel 3, die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Für ein bewährtes Schlachtross wie sie eine beinahe unverschämt leichte Übung. Nahles spricht weitgehend frei und fröhlich. Erinnert an “die erste Frauenbewegung in Deutschland”, die 1949 den Artikel überhaupt erst möglich gemacht habe.

Sie sei “keine Juristin”, betont sie mehrfach, sondern “als jemand, der ständig umzingelt war” von Juristen “in den vergangenen 30 Jahren leidgeprüft”. Nein, sie lese das Grundgesetz als “Literaturwissenschaftlerin”, lobt seine “Schönheit und Klarheit”.

Manche Ungerechtigkeit sei bestürzend spät beseitigt worden: “Ja, das muss man sich mal reinpfeifen!”. Wobei die Väter und Mütter des Grundgesetzes ja keine Ahnung haben konnten von Sachen wie Präimplantationsdiagnostik oder künstlicher Intelligenz, wie sie belustigt feststellt: “Jetzt mal im Ernst!”. Echte Gleichberechtigung, nein, “diesen Punkt haben wir noch nicht erreicht, Leute”.

Die Leute nicken, schmunzeln. Die Frau, die Andrea Nahles war, ist noch immer Andrea Nahles. Hier in der heimatlichen Eifel vielleicht noch mehr als im fernen, fernen Berlin. Dort, wo “das Volk”, Nahles hat das genau beobachtet damals, wegen jeder Kleinigkeit befragt wurde, “wegen Flughafen, wegen Religionsunterricht in den Schulen, also alles Sachen, die wir uns hier gar nicht vorstellen können!”

Im Laufe der Rede warnt sie vor der AfD, würdigt die ehemalige Verfassungsrichterin Jutta Limbach, tadelt den erneut geschrumpften Frauenanteil im Bundestag, schüttelt den Kopf über die wenigen Frauen in den Vorständen von DAX-Konzernen, preist das Erreichte und fordert, Migranten müssten “dann auch in diesem Sinne integriert werden, dass die das respektieren”.

Hin und wieder möchte sie manche Sachen “nicht unerwähnt lassen”, andere Sachen “auch an dieser Stelle sagen” und gerne “alte Zöpfe abschneiden”. Die rhetorischen Automatismen sind noch voll funktionsfähig, wie auch immer wieder ein sozialdemokratischer Restmarxismus zutage tritt. Keine Formulierung verwendet sie häufiger als die von den “materiellen Voraussetzungen” für schlechterdings alles, auch die Gleichberechtigung.

Nach knapp 30 Minuten ist sie mit ihrem Impulsvortrag zur gesetzlichen Implementierung feministischer Anliegen durch. Fragen sind erwünscht, aber bitte keine zur SPD. Die werden ohnehin nicht gestellt in dieser gediegenen Bürgersprechstunde.


Nahles geht an der Seite von Subprior Pater Albert (r) zu ihrem Vortrag. Sie wirkt freier, fröhlicher - und ist doch noch immer "Andrea Nahles"


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Nahles geht an der Seite von Subprior Pater Albert (r) zu ihrem Vortrag. Sie wirkt freier, fröhlicher – und ist doch noch immer “Andrea Nahles”

Es erheben sich betagte Genossen, die ihren Beitrag mit “Andrea, du kennst mich …” beginnen, und Andrea kennt die Bürgermeister aus der Provinz tatsächlich. Ein älterer Herr will gar nichts sagen, ihr nur einen Brief überreichen. “Wird beantwortet”, sagt Nahles, “versprochen”.

Ansonsten geht es den Anwesenden tatsächlich um die Dinge, über die Nahles gesprochen hat. Altersarmut von Frauen in Dienstleistungsberufen. Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Stereotypen schon an Grundschulen. Man steht auf, spricht, Nahles hört zu und antwortet.

Nein, gegen Altersarmut hilft kein bedingungsloses Grundeinkommen, das wäre ein fataler Abschied vom Leistungsprinzip. Starker Applaus. Bei der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf ist man in Skandinavien viel weiter. Anerkennendes Gemurmel. Die eigene Tochter spielt gerne Fußball und hat’s nicht so mit Prinzessinnen. Wissendes Geschmunzel.

Ein wenig Dampf ablassen

Bei aller ermüdenden Routine drängt es Nahles an diesem Abend aber doch, hier und dort ein wenig Dampf abzulassen. “Zu keinem Zeitpunkt”, sagt sie, habe sie das Gefühl gehabt, “dass Männer und Frauen in der Politik wirklich gleichberechtigt sind”.

Die Macht sei “ein flüchtiges Reh” und immer in irgendwelchen “inner circles” zuhause. Selbst als sie endlich im Präsidium der Partei angekommen sei, hätten sich “die Jungs” wieder in verschwiegenen Zirkeln “vor oder nach den Gremien” getroffen. “Als ich dann Vorsitzende war, gab es wenige Zirkel, in denen ich nicht war”, aber noch immer zu viele.

Auch gebe es in Berlin, anders als unter Männern, keine Solidarität unter Frauen. Schon gar nicht bei jenen, die wirklich “mit der Mechanik der Männer klar kommen”. Alleinerziehend zu sein, das gehe schon. Es sei aber, und das betont sie mit einem Stöhnen, “wahnsinnig anstrengend”, bis zu dem Punkt, an dem man merke, dass “einen das als Person killt”. Dann bleibe nur der Rückzug.

Irgendwann, ganz am Ende, kommt die entscheidende Frage dann doch. Ob sie denn, wenn sie schon so detailliert davon rede, wofür sie alles “kämpfe”, auch dem nächsten Bundestag noch angehören werde. Nahles: “Ich bin echt froh, dass das jetzt erst kommt”. Eine Entscheidung darüber werde “bald, zeitnah” fallen.

Auf den Zuruf “Du musst weitermachen!” reagiert Nahles rasch und bestimmt: “Man muss auch manchmal wissen, wann man etwas Neues anfangen muss”.

Es sieht so aus, als wäre der Auftritt an diesem Abend ihre Abschiedsvorstellung als Politikerin gewesen.



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